Teil 1 unserer Sapphire-2026-Serie.
Seit letztem Donnerstag beantworte ich diese Frage gefühlt jeden Tag mehrfach. Am Telefon, in Slack, beim Kaffee mit einem IT-Leiter Die SAP Business Technology Platform, kurz BTP, sei jetzt offiziell beerdigt worden. Christian Klein habe das auf der Sapphire in Orlando angekündigt. Stimmt das?
Kurz: Nein. Lang: Es ist komplizierter, und wer als SAP-Architekt jetzt nicht genau hinschaut, verpasst eine strategische Verschiebung, die in den nächsten zwölf Monaten alles verändert, was man heute über BTP sagt.
Was Christian Klein in Orlando wirklich angekündigt hat
Auf der Sapphire 2026 stellte SAP die SAP Business AI Platform vor. Diese neue Plattform-Schicht vereint nach SAPs eigener Lesart die Business Technology Platform, die Business Data Cloud und SAP Business AI in einer einzigen, governance-fähigen Umgebung. Im Zentrum sitzt der SAP Knowledge Graph als gemeinsamer Kontext-Layer für alle Agenten.
Aus dieser Konstellation ist in den Stunden nach der Keynote ein hartnäckiges Missverständnis geworden. Die Lesart „BTP wurde gekillt“ zirkuliert nicht nur in den Kommentarspalten unter den SAP-Influencer-Posts auf LinkedIn, sondern auch in Vorstandsterminen, in denen ich diese Woche saß. Das Missverständnis ist verständlich, und es ist falsch.
SAP hat BTP nicht abgeschafft, sondern unter eine Marketing-Schicht gelegt
Wer länger im SAP-Umfeld unterwegs ist, kennt das Muster. HANA Cloud Platform wurde zur SAP Cloud Platform, die Cloud Platform wurde zur Business Technology Platform. Jedes Rebranding hat die Plattform größer und die Marke schärfer gemacht, ohne dass sich technisch grundlegend etwas geändert hätte. Die Sapphire-Ankündigung folgt demselben Muster, nur diesmal mit einem AI-Anstrich. Das ist nicht schlimm, sondern branchenüblich. Aber man sollte es als das benennen, was es ist: Repositionierung, nicht Ersatz.
Drei Punkte machen das deutlich. Erstens hat SAP auf der Sapphire 2026 weiterhin einen eigenen BTP-Track laufen, neben sechzehn weiteren Tracks von Business AI bis Industries. Eine Plattform, die in Rente geschickt wird, bekommt keine eigene Session-Reihe mit Roadmap-Updates. Zweitens läuft die viel beworbene AI Foundation, in der Joule, Joule Studio, der Generative AI Hub, Document AI und der Knowledge Graph zusammenkommen, technisch auf BTP. Auch die neuen Highlights wie Joule Studio 2.0 oder der AI Agent Hub sind BTP-Services unter neuer Vermarktung. Drittens, und das ist mir wichtig, lesen die großen Analystenhäuser die Ankündigung übereinstimmend als Konsolidierung. Forrester spricht explizit von einer Bündelung von achtzehn Monaten M&A und Produktentwicklung in eine integrierte Vision, Constellation Research und ERP Today argumentieren ähnlich.
Die strategisch relevante Verschiebung: BTP verliert seinen Brand-Status
Was sich tatsächlich verschoben hat, ist nicht die Technologie, sondern die Hierarchie der Begriffe. Vor der Sapphire 2026 war BTP die Antwort auf die Frage, wo man seine SAP-Extensions baut. Nach der Sapphire 2026 lautet die offizielle Antwort: auf der Business AI Platform, die übrigens BTP enthält. BTP rückt damit von der Frontstage zur Foundation. Vom Produkt, das man kauft, zur Infrastruktur, die niemand mehr explizit nennt.
Dieses Muster gibt es überall in der Plattform-Ökonomie. AWS verkauft heute keine EC2-Instanzen mehr als Hero-Story, sondern Bedrock, SageMaker, Q. EC2 ist der Backbone, niemand stellt es in Frage, niemand redet aktiv darüber. Was zur Foundation wird, verschwindet aus dem Buying-Prozess. Für BTP heißt das: Die Technologie bleibt unverzichtbar. Die Marke wird unsichtbar.
Mario Defelipe hat das in seiner Sapphire-Analyse noch schärfer formuliert. Er liest die Business AI Platform explizit als SAPs Versuch, das Architektur-Playbook von Palantir Foundry zu übernehmen — eine Drei-Schichten-Struktur aus Build, Context und Governance, mit dem Knowledge Graph als Ontology-Äquivalent. Die Lesart stützt das, was ich oben argumentiert habe: BTP wird nicht ersetzt, BTP wird in eine größere Architektur eingebettet, die strategisch deutlich mehr Ambition hat als die ERP-Plattform der letzten Jahre.
Was das für deine SAP-Strategie konkret bedeutet
Für die technische Roadmap ändert sich erstmal wenig. Wer heute BTP-Services nutzt, also die Integration Suite, SAP Build, die Work Zone, Cloud Identity oder AI Core, nutzt sie nach dem Rebrand weiter. Bestehende Subskriptionen bleiben gültig, bestehende Extensions bleiben upgrade-safe. Der Knowledge Graph und Joule Studio 2.0 kommen als zusätzliche Services dazu, nicht als Ersatz für etwas Bestehendes.
Sprachlich ändert sich allerdings einiges. Wer in einem Architektur-Board „wir bauen das auf BTP“ sagt, klingt ab Mitte 2026 wie jemand, der noch von „HANA Cloud Platform“ spricht. Technisch nicht falsch, aber aus der Zeit gefallen, und in einem Pitch-Kontext schadet das. Die Sprache der nächsten zwölf Monate wird sich an SAPs Marketing anpassen, ob man will oder nicht: Business AI Platform, Autonomous Suite, Knowledge Graph, Agent Hub.
Die offene Flanke sind die Lizenzmodelle. SAP hat auf der Sapphire nicht klargestellt, wie BTP-Services künftig kommerziell verpackt werden. Eigenständig, gebündelt mit der Business AI Platform, als Add-on zu RISE oder GROW? Das war in keiner Keynote zu sehen. Wer in der zweiten Jahreshälfte 2026 Verträge erneuert oder erweitert, sollte das Q3-Pricing-Sheet abwarten und mit dem Account Executive beide Optionen rechnen lassen.
Was wir bei CloudDNA daraus ziehen
In den letzten Tagen haben wir unsere Sales-Materialien einmal komplett durchgesehen. Drei Anpassungen stehen jetzt auf unserer Liste.
Wir reden in Kundenterminen nicht mehr nur von „BTP“, sondern von „Clean Core Engineering auf der SAP Business AI Platform, BTP-basiert“. Das ist sperriger und auf den ersten Blick weniger schlank, aber präziser und anschlussfähig an die Sprache, die SAP-interne Architekten 2026 verwenden werden. Außerdem haben wir Joule Studio 2.0, den Knowledge Graph und den AI Agent Hub auf unsere Skill-Roadmap genommen. Wer Agent-Engineering heute nicht im Toolkit hat, baut ab 2027 nur noch klassische Side-by-Side-Extensions — ein kleineres Marktsegment, in dem die Margen sinken werden.
Der für uns wichtigste Punkt: Clean Core wird wichtiger, nicht kleiner. SAP hat auf der Sapphire ein Clean Core Certification Programme angekündigt, mit einer Upgrade-Kompatibilitäts-Garantie über drei S/4HANA-Cloud-Releases. Das ist exakt das Versprechen, das wir unseren Kunden im Burgenland und in der gesamten DACH-Region seit Jahren geben. SAP institutionalisiert damit, was bisher Methodik und Disziplin engagierter Engineering-Boutiquen war. Für seriöse Partner ist das Rückenwind, kein Wettbewerb.
Fazit
BTP ist nicht tot. BTP wurde befördert, vom sichtbaren Produkt zum unsichtbaren Fundament. Technisch ist das gut für alle, die heute auf BTP setzen. Strategisch ist es herausfordernd für alle, deren Positionierung sich an der Marke BTP festhält.
Für SAP-Kunden in DACH heißt das: weiter bauen, aber die Sprache und das Vokabular der nächsten zwölf Monate aktiv mitgestalten. Wer „Business AI Platform“ sagt und dabei BTP-Architektur denkt, hat verstanden, was sich auf der Sapphire 2026 wirklich verschoben hat.
Nächster Schritt
Was bedeutet die neue SAP-Architektur konkret für dich?
In 30 Minuten gehen wir deine bestehende BTP-Architektur gegen die neue SAP Business AI Platform durch und liefern dir eine konkrete Roadmap-Skizze für die nächsten zwölf Monate. Unverbindlich, ohne Verkaufsdruck, mit klarer Empfehlung am Ende.
Oder erst mehr über Clean Core Engineering bei CloudDNA erfahren →
Im zweiten Teil unserer Sapphire-Serie ordnen wir die wichtigsten Ankündigungen der Konferenz ein und sortieren, was Marketing-Lametta ist und was strategischen Druck erzeugt.
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